Donnerstag, 09. April 2020, 08:13 Uhr
von Nora

Wenn Parkdecks zu Wohlfühlorten werden

Gedankenexperiment in Corona-Zeiten

Unter der Woche, später Nachmittag in der Ludwigsburger City. Knallblauer Himmel und kaum Autos auf der Wilhelmstraße. Ein paar versprengte Spaziergänger, dafür reichlich Tauben auf dem Marktplatz. Die Fußgängerzone: menschenleer. Ich bleibe ohne schlechtes Gewissen auf meinem Rad sitzen, genieße die Abendsonne, die unfassbar gute Luft mitten in der Stadt - und die Ruhe. Diese Ruhe! Menschen sitzen paarweise auf Bänken, leise im Gespräch. Irgendwo zwitschert eine Amsel. Ein Vater und sein kleiner Sohn sehen sich zusammen ausgiebig die Auslagen eines geschlossenen Juweliergeschäfts an. Sie haben offensichtlich Zeit.

Ludwigsburg, Kirchstrasse. Nur keine Menschen...

Ich radle weiter, mein Blick bleibt an der elektrischen Anzeige des Parkhauses der Wilhelmgalerie hängen: 252 freie Plätze. Zur Rushhour!!! Ich schließe mein Fahrrad ab und laufe die Rampe zum Parkdeck 1 zu Fuß hoch, dort, wo sich sonst die Autos im ersten Gang hochschrauben, dicke Luft herrscht und sich kein Fußgänger aus Versehen hin verirrt. Parkdeck 1 ist praktisch leer. Eine Etage weiter oben dasselbe Bild: Eine riesige Freifläche über den Dächern von Ludwigsburg mit Deluxe-Blick auf die Stadt. Ich setze mich in einer Ecke des Parkdecks in die Sonne und lasse die Leere auf mich wirken. Interessant, was das mit einem Ort macht, wenn einfach nur etwas fehlt, das sonst immer da ist.

252 freie Plätze in Parkhaus der Wilhelmsgalerie.

Plötzlich ploppen Möglichkeitssplitter auf: Was könnte man mit dieser Fläche alles anstellen! In Gedanken stelle ich rasch überall Holzkübel auf, pflanze Blumen, Gräser und Tomaten. Neben und zwischen die grünen Inseln schiebe ich bequeme Holzbänke zu Sitzgruppen zusammen, zimmere einen großen Sandkasten. Entlang der Brüstung auf der Westseite reihe ich Buden aneinander, wo man sich und seine Kinder mit Kaffee und Fritzlimo und mit leckeren Snacks versorgen kann, alles ökofair, Ludwigsburg ist ja schließlich Fairtrade-Town. Von irgendwo her weht Musik herüber, jemand spielt Gitarre, Menschen lachen, Kinder spielen und rennen herum – genug Platz dafür ist ja, und das obwohl auf einem ein Teil der Fläche noch Solarstrom gewonnen wird.

Die Sonne versinkt hinter der Brüstung des Parkdecks, und ich denke: Was ist das für eine Verschwendung von Platz und Lebensqualität, mitten in der Stadt hunderte von Quadratmetern zu versiegeln, damit dort immer noch dickere Autos für ein paar Stunden am Tag abgestellt werden, deren Besitzerinnen und Besitzer – „Parkeschön!“ – auch noch dafür belohnt werden, dass sie die Luft und das Klima versauen.

Riesige Freiflächen inmitten der Stadt: Oberdeck des Parkhauses.

Wir erleben gerade gezwungenermaßen, wie Innenstädte wieder zu Orten werden, an denen man sich entspannt bewegen kann. Was es für einen Unterschied macht, wenn das autoverkehrsbedingte Grundrauschen nahezu verschwunden ist. Wenn man als Fußgänger oder Radfahrer wieder einfach nur Luft atmet, und nicht primär Abgase. Wenn wir uns davon berühren und inspirieren lassen, gelingt es vielleicht, den einen oder anderen Gedankensplitter mit in die Zeit nach der Zwangspause hinüberzuretten – und wer weiß? Völlig utopisch ist das nicht, was jeder weiß, der in Berlin schonmal den Klunkerkranich erklommen hat… Schwerter zu Pflugscharen, Parkdecks zu Wohlfühlorten!